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Unsere Rinder


Red Holstein


Rotbunte Deutschland isst heute scheinbar international und multikulturell. Eine Viehlzahl von Restaurants,auch auf dem platten Land,haben dafür gesorgt,dass für uns die Küche Chinas,Italiens,Frankreichs,des Balkans oder des nahen und ferneren Ostens kaum noch exotisch anmuten.Begriffe wie Baby Pangang,Souflaki,Scaloppine oder Entrecote können wir zwar kaum aussprechen,sind uns vom Geschmack her aber durchaus vertraut. DieseKöstlichkeiten haben uns die Erfahrung vermittelt,wie vielfältig die Zubereitungsarten für Rindfleisch sind.Der Französische Maitre de Cuisine und insbesondere die englische Kitchenmaid sind allerdings für ihre Hausmanskost auf Edelstücke aus der Fleischertheke angewiesen.Dagegen kann die deutsche Köchin etwas sparsamer sein. Sie hat es immer verstanden,auch aus oft nur unterdurchschnittlichen Fleischstücken leckere Spezialitäten zu zaubern. Man denke nur an die Rouladen,den Sauerbraten oder den deftigen Eintopf. Bedarf für spezielle Mastrinderrassen gab es daher lange Zeit in deutschen Lande nicht. Die klassischen Kühe bei uns standen bis in die siebziger Jahre hinein im Zweinutzungstyp. Paradestück dieser Zuchtrichtung ist die Rotbunte,präziser das Rotbunte Niederungsrind.

Trotz zunehmender Holsteinfriesierung lassen die Rotbunten die bewährten Formen erkennen. Bullen mit über 25 wuchtigen Zentnern,zusammen mit 14 bis 15 Zentner schweren Kühen versprechen wahre Wonneproppen von Kälbern,die respektable 1 300 Gramm Tag für Tag zunehmen:Daten,die jeder spezialisierten Fleischrasse zu Anerkennung und Ehre gereichen würde. Genauso gut darf man sie zu den auf Milch,Butter und Käsegeeichten Rassen zählen. Mit im Schnitt 6 000 Kilogramm Milch in 305 Tagen rentiert sich ein Boxenlaufstall mit Doppelsechser-Fischgrätmelkstand auch bei den Rotbunten. Diese Rasseleistung erreicht Jahr für Jahr neue Rekordhöhen,ohne dass eine Limitierung abzusehen ist. Bereits vor hundert Jahrenwurden vereinzelt 8 000 Liter offiziell registriert. Die Rotbunten sind die vorzüglichste Kombination von Fleisch und Milch!",sagt die FAO und die Welternährungsorganisation muss es schließlich wissen.

Bis 1934 gab es rotbunte Dithmarscher, rotbunte Wilstermarscher, rotbunte Breitenburger, rotbunte Westfalen, rotbunte Ostfriesen, rotbunte Südoldenburger und" was weiß ich" für Rotbunte. Dann wurde ein gemeinsamer Dachverband gegründet und die züchterische Arbeit eher koordiniert als vereinheitlicht. Unterschiede haben sich bis heute erhalten. Die vom Niederrein und aus Schleswig-Holstein erscheinen schwerer,fleischbetonter,während die Westfalen, Ostfriesen und Oldenburger eher schärfer,milchorientierter sind.

Die Zuchtgebiete der Rotbunten sind,wenn auch nicht deckungsgleich,so doch häufig überschneidend mit denen der Schwarzbunten. Die Schwarzen stellen die Mehrheit und die Roten die Minderheit, zugegebenermaßen eine sehr starke. Das darf nicht weiter überraschen,denn im Genpool des Flachlandviehs ist neben dem dominanten schwarzen auch das rote Erbmerkmal vertreten,allerdings rezessiv. Daraus ergibt sich,dass Rotbunte für dieses Merkmal reinerbig sind, während Schwarzbunte auch mischerbig sein können. Diese werden Rotfaktorträger genannt. Kreuzt man zwei solcher schwarzbunten " under cover "-Roten untereinander,wird ein Viertel ihrer Kälber reinerbig rotbunt sein. Verpaart mit einem Rotbunten ist sogar die Hälfte ihrer Kälber rot.Die andere sieht zwar schwarzbunt aus,hält aber den Rotfaktor in sich verborgen. Soweit hätte Gregor Mendel seine helle Freude an den Rindviechern, denn dies entspricht präzise den Erwartungen,die sich aus seinen an Erbsenblüten gefundenen Erbregeln ergeben. Leider halten sich nicht alle Rinder an diese Gesetze. Der eine oder andere Rotbuntzüchter,der aus der Schwarzbuntregion ein ausgemendeltes rotes Kalb ersteigerte,musste zusehen, wie seine Erwerbung mit zunehmenden Alter an Röte verlor. Mit etwa einem Jahr sah sie mit Ausnahme eines rötlichen Aastriches aus wie eine klassische Schwarzbunte. Zur Ehrenrettung des Verkäufers sei festgestellt,dass dieser sein Kalb nicht nach alter Kuhtäuschermanier mit Zinnober übergossen hatte. Das Tier ist Träger des " Black -Red"-Faktors,eines anderen rezessiven Gens,das unabhänig vom gängigen Rotfaktor als Allel zu Schwarz vererbt wird. Es wird auch "Telstar-Gen" genannt nach dem US-Bullen,dem wir in Europa diese Farbverwirrung verdanken.

Damit ist die Konfusion aber noch nicht zu Ende. 1980 wurde in den USA teils zur Freude,teils zum Entsetzen der Wissenschaft das rotbunte Kuhkalb " Rosebell"geboren.Der Vater " Sheik" hat über 20 000, allerdings nur schwarzbunte Nachkommen, scheint folglich reinerbig schwarz zu sein und auch im Pedigree der Mutter war keine Spur eines Rotfaktors zu finden. Die spontanen Zweifel der Fachleutean der einwandfreien Herkunft von "Rosebell"wurden durch die Blutgruppenanalyse zerstreut. Da sie sich außerdem zu einer exorbitanten Milchkuh entwickelte,wurde sie nebenbei zum begehrten Forschungsobjekt. In Kombination mit verschiedenen HF-Spitzenbullen mit und ohne Rotfaktor gebar sie rote und schwarze Kälber. Das Farbresultat jeder Paarung war jedoch unvorhersehbar. Daher geht die Fachwelt von einer neuen Rotmutante mit dominanter Durchschlagskraft aus. In Deutschland wurden "Rosebell's" Nachkommen bisher noch nicht eingesetzt.Tierzuchtstudenten dürfen beruhigt sein. Sie müssen sich auch weiterhin nur merken,dass die Rotbunten eine starke Minderheit sind.

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung Landbuch Verlag Hannover und Cadmos Verlag aus dem Buch: "Das andere Kuhbuch" von Michael Brackmann